4Der Ort - Kirche - Predigt
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2. Ostersonntag - Weißer Sonntag - Thomassonntag
Weil du mich gesehen hast, Thomas, glaubst du, selig, die nicht sehen und doch glauben (Joh 20,29)

Glaube ist nicht aus Wissen geboren, ja manchmal sind das Wissen und der Wissenstrieb ein Hindernis für den Glauben. Glauben ist ein reines Geschenk der Gnade Gottes. Darum können wir beten, dazu können wir uns innerlich öffnen, das können wir aber nicht durch Grübeln und Forschen „wissen“, weder greifen, noch be-greifen.
So ähnlich ging es auch Thomas, der zuerst alles genau wissen und erforschen wollte durch Sehen, Berühren, Tasten: „Wenn ich nicht die Male der Nägel an seinen Händen sehe und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht“. Als er dann aber wirklich Jesus sieht, das heißt, als er ihn auch innerlich erfährt, da hat er nur noch eine Gebet auf den Lippen, das kürzeste aller gläubigen Stoßgebete: „Mein Herr und mein Gott“!
Wie sollen wir als aufgeklärte postmoderne Menschen an die Auferstehung Jesu glauben? Wie war das mit dem leeren Grab? Wie sollen wir uns die Auferstehung konkret vorstellen? Ist sie nur eine Chiffre dafür, daß die Sache Jesu weitergeht?
Diese Fragen sind nicht erst unsere Fragen. Sie haben die Menschen schon am Ende des ersten Jahrhunderts bewegt. Auf sic gibt das Johannesevangelium eine Antwort, indem es uns die Geschichte von Thomas, dem Zweifler, erzählt, Thomas gibt sich - wie wir heute auch - nicht damit zufrieden, nur zu glauben, was die anderen ihm erzählen. Diese können noch so überzeugend sein. Er will selbst erfahren. Er will diesen Jesus nicht nur sehen, sondern auch betasten. Und er will nicht einfach Jesus sehen, sondern die Male der Näge1 an seinen Händen und die Wunde an seiner Seite. Er will die Wunden Jesu sehen. Warum wohl? Hat das nur den Sinn, die Identität des Gekreuzigten mit dem Auferstandenen zu erkennen oder bedeutet es noch etwas anderes? Für mich sind die verk1ärten Wunden Jesu der Ort, an dem für Thomas das Wunder der Auferstehung geschieht.
Jesus geht auf den Wunsch des Thomas ein. Er lädt ihn ein, seine Finger auszustrecken, sie in seine Handwunden zu legen und mit seiner Hand die durchbohrte Seite zu berühren. Auferstehung heißt Verwandlung unserer Wunden.
Was Handwunden sind, wissen wir alle. Da nagelt uns jemand fest, legt uns auf sein Vorurteil fest. Jemand durchbohrt uns, schlägt uns mit der Hand, lässt uns aus der Hand fallen, verweigert uns die Hand.
Indem Thomas seinen Finger in die Handwunde Jesu legt, glaubt er daran, daß auch seine Wunden durch den Tod und die Auferstehung Jesu geheilt worden sind. Indem er dem Auferstandenen begegnet und ihn an seinen Wunden berührt, geschieht Auferstehung an ihm.
Wir wissen, was eine Herzwunde ist. Herz ist der Sitz der Liebe und der Sehnsucht nach Liebe. Wenn jemand unsere Liebe missbraucht, wenn wir gerade dort, wo wir lieben, enttäuscht werden, verletzt mit Aggression, dann tut es uns besonders weh. Die Wunden, die dort geschlagen werden, wo wir lieben, sind die schmerzlichsten. Thomas darf seine Hand in die Herzwunde Jesu legen, damit er daran glauben kann, daß alle seine Liebeswunden geheilt werden.
Jesus lädt Thomas ein, seine Wunden zu berühren. Ob Thomas der Einladung folgt, sagt uns Johannes nicht mehr. Thomas antwortet nur auf das Angebot Jesu mit dem klarsten und liebevollsten Bekenntnis, das ein Christ von Jesus ablegen kann: ,,Mein Herr und mein Gott“.
Wer wie Thomas Jesus als seinen Herrn und seinen Gott bekennt, der hat das Geheimnis der Auferstehung verstanden. Dann sind wir auferstanden zu wahrem Leben. Dann sind uns die Augen aufgegangen, und wir haben das Geheimnis des Lebens geschaut.
Das tiefste Geheimnis der Auferstehung besteht darin, daß an unseren eigenen Wunden und an unseren inneren Verwundungen das Wunder des Glaubens geschieht, daß wir an die verwandelnde und heilende Kraft der Liebe Gottes gerade dort zu glauben vermögen, wo uns die Verletzungen am meisten schmerzen.
„ Selig, die nicht sehen und doch glauben“

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